Die Behandlung von Krebs hat sich in den letzten Jahren enorm weiterentwickelt. Das weiß kaum jemand so gut wie der Onkologe Dr. med. Friedrich Overkamp. Mehr als 25.000 Krebspatienten hat er an Kliniken und in eigener Praxis durch ihre Therapie begleitet. Heute macht er sich als Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft Supportive Maßnahmen in der Onkologie der Deutschen Krebsgesellschaft (AGSMO) dafür stark, die Lebensqualität von Patienten zu verbessern. Im Gespräch verrät er, wie sich die Krebsbehandlung in den letzten Jahren verbessert hat, warum die Angst vor Nebenwirkungen weniger begründet ist als früher und was Ärzte heute gegen Nebenwirkungen unternehmen können.

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Was Krebs ausmacht

Was ist eigentlich Krebs? Dr. Overkamp fasst die Krankheit zu Beginn kurz zusammen: Bei Krebs handelt es sich um eine Vermehrung von Zellen in Geweben, die sich unkontrolliert teilen. Wird eine Zelle bösartig, das heißt, sie vermehrt sich und hört nicht damit auf, „dann entsteht ein Tumor: Ein Knoten mit sehr vielen Zellen. Das können Millionen, sogar Milliarden sein.“ Dabei unterscheidet man je nachdem, welches Gewebe im Körper betroffen ist, zwischen verschiedenen Krebsarten, wie zum Beispiel Karzinomen, Sarkomen und Leukämien, „wenn es bei Blutzellen passiert.“ Außerdem sind Krebszellen in der Lage, sich zu bewegen, indem sie durch das Blut oder Gewebswasser „schwimmen“.

Neue Möglichkeiten, Krebs zu behandeln

Heute ist Krebs gut behandelbar, aber die Therapie ist nach wie vor anspruchsvoll. Früher war eine Krebstherapie immer schwierig, denn „es gab nur Stahl, Strahl und Chemo“, erinnert sich Dr. Overkamp. „Man operierte radikal, man bestrahlte intensiv und man machte Chemotherapie. Heute gibt es sehr viel mehr Behandlungsmöglichkeiten.“ Neben der medikamentösen Chemotherapie kommen zielgerichtete Therapien zum Einsatz, bei denen Medikamente direkt an der Oberfläche oder im Inneren von Krebszellen wirken. Immuntherapien regen das Immunsystem an, den Krebs zu bekämpfen. Dr. Overkamp betont: „Die Möglichkeiten sind ungleich vielfältiger geworden“. Damit sind Krebsbehandlungen nicht automatisch schwierig oder anstrengend, denn einige dieser neuen Therapien sind relativ gut verträglich.

„Heute braucht man diese Ängste [vor Therapie und Nebenwirkungen] nicht mehr zu haben.“

Krebsbehandlungen lösen immer weniger Nebenwirkungen aus

Viele Patienten denken bei der Behandlung von Krebs noch immer vor allem an die Chemo- und Strahlentherapie und ihre „klassischen“ Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen und Haarausfall. Für Dr. Overkamp sind diese Ängste sehr gut nachvollziehbar, da sie in der Vergangenheit, in den 70er und 80er Jahren, häufig als Folge der Behandlungen auftraten und in den Köpfen der Bevölkerung fest verankert sind.

Trotzdem sind diese Ängste mittlerweile eigentlich unbegründet, denn „dass es heute viel mehr Therapien gibt, die genau das nicht mehr machen – Übelkeit, Erbrechen, Haarausfall – wird dabei gar nicht berücksichtigt.“ Doch nicht nur die modernen Krebsbehandlungen sind verträglicher als früher. Auch die Nebenwirkungen von Chemo- und Strahlentherapie können Ärzte mittlerweile während der laufenden Krebsbehandlung sehr gut lindern. Das Problem dabei ist nur, dass das bisher noch fast niemand der Betroffenen weiß. 

„Noch viel wichtiger: Die Tatsache, dass wir gegen Übelkeit und Erbrechen auch sehr viel tun können, das wird noch viel weniger kommuniziert.“

Die Sorgen, die viele Menschen deswegen noch vor einer Krebstherapie empfinden, sind insofern gut verständlich. „Aber es ist eine unberechtigter gewordene Sorge“, betont Dr. Overkamp.

Warum es bei Krebsbehandlungen überhaupt zu Nebenwirkungen kommt

Aber wie entstehen diese teils starken Nebenwirkungen? Eine Chemotherapie zum Beispiel hemmt die Zellteilung. Der Onkologe vergleicht sie mit einem „Unkrautvertilgungsmittel“, dass überall im Körper wirkt, wo Zellen sich teilen. Krebszellen sollen so abgetötet werden, aber es trifft auch andere, gesunde Zellen. Das sind etwa die Schleimhautzellen in der Speiseröhre, im Mund oder im Magen. Außerdem können die Wirkstoffe der Chemotherapie, die sogenannten Zytostatika, direkt das Brechzentrum im Gehirn aktivieren. Gegen diese Nebenwirkungen einer klassischen Chemotherapie gibt es heute gute Gegenmittel.

Das war der erste Teil der vierteiligen Interview-Reihe mit Dr. Overkamp. Im nächsten Video erklärt er, welche Mittel Onkologen heute mit den supportiven Therapien zur Verfügung stehen, um Nebenwirkungen von Krebsbehandlungen zu lindern.

Dr. med. Friedrich Overkamp ist seit 1985 Onkologe und hat über 25.000 Krebspatienten begleitet. Seit 2018 ist er Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Supportive Maßnahmen in der Onkologie (AGSMO) der Deutschen Krebsgesellschaft, die sich unter anderem für eine Verbesserung der supportiven Versorgung und Lebensqualität von Krebspatienten einsetzt. Neben seiner Arbeit als Mediziner vermittelt er als Berater, Moderator und Speaker medizinische Themen einer breiten Öffentlichkeit.